
Nach einer Hörkontrolle erhalten Sie ein Blatt voller Linien, Kreuze und Zahlen: das Audiogramm. Viele bekommen es ohne Erklärung. In diesem Artikel zeige ich Ihnen, wie man es liest, was der Sprachtest aussagt und welche Messungen immer gemacht werden sollten, bevor man über Hörgeräte spricht.
Das Audiogramm in 30 Sekunden
Das Audiogramm ist das Ergebnis der Tonaudiometrie: In der Hörkabine hören Sie mit Kopfhörern „Pieptöne“ in verschiedenen Tonhöhen und drücken einen Knopf, sobald Sie sie wahrnehmen – auch wenn sie ganz leise sind. Für jeden Ton wird die leiseste Lautstärke gesucht, die Sie gerade noch hören: Ihre Hörschwelle.
- Waagrecht stehen die Frequenzen in Hertz (Hz): links die tiefen Töne (125–250 Hz, wie eine Trommel), rechts die hohen (4000–8000 Hz, wie Vogelgezwitscher oder die Konsonanten „s“ und „f“).
- Senkrecht steht die Lautstärke in Dezibel (dB HL): oben die leisen Töne, unten die lauten.
- Goldene Regel: Je tiefer die Linie liegt, desto weniger hört man. Ein Punkt bei 60 dB bedeutet, dass dieser Ton sehr laut sein muss, bevor Sie ihn wahrnehmen.


Die Symbole: wer ist wer
- Roter Kreis (O): rechtes Ohr.
- Blaues Kreuz (X): linkes Ohr.
- Klammern oder Pfeilspitzen (< > oder [ ]): Knochenleitung. Der Ton wird über einen kleinen Vibrator hinter dem Ohr direkt ins Innenohr übertragen.
- Pfeil nach unten: keine Antwort, auch bei maximaler Lautstärke des Geräts.

Wie viel weniger man hört: die Grade
Es gibt verschiedene Einteilungen; eine häufig verwendete, gemittelt über die wichtigsten Frequenzen:
- bis 20 dB: normales Gehör;
- 21–40 dB: leichter Hörverlust, Mühe mit leisen Stimmen und im Lärm;
- 41–70 dB: mittlerer Hörverlust, Gespräche werden ohne Hilfe anstrengend;
- 71–90 dB: schwerer Hörverlust;
- über 90 dB: hochgradiger Hörverlust.
Der Mittelwert sagt aber nicht alles: Sehr wichtig ist auch die Form der Kurve.
Die Form der Kurve verrät viel
- Nach rechts abfallend: Tiefe Töne werden gut gehört, hohe weniger. Das ist das typische Bild im Alter (Presbyakusis). Man „hört“, versteht aber nicht gut: Gerade die hohen Konsonanten machen Wörter deutlich.
- Mit einer „Senke“ um 4000 Hz: oft ein Zeichen für Lärmbelastung (Beruf, Musik, Schüsse).
- Flach: Der Hörverlust ist bei allen Frequenzen ähnlich.
- Ansteigend (schlechter bei tiefen Tönen): seltener, sollte immer ärztlich abgeklärt werden.
- Sehr unterschiedlich zwischen beiden Ohren: auch das sollte immer von einem HNO-Arzt abgeklärt werden.

Luft- und Knochenleitung: wo das Problem liegt
Wenn man beide Messungen vergleicht, erkennt man, wo der Hörverlust liegt:
- Luft- und Knochenleitung deckungsgleich, beide unter der Norm: Schallempfindungsschwerhörigkeit, bedingt durch das Innenohr oder den Hörnerv. Sie ist die häufigste Form und wird mit Hörgeräten versorgt.
- Knochenleitung normal, Luftleitung schlechter (zwischen den Linien gibt es einen „Abstand“): Schallleitungsschwerhörigkeit. Das Problem liegt im Aussen- oder Mittelohr: Ohrenschmalzpfropf, Mittelohrentzündung, Trommelfell, Gehörknöchelchen. Oft kann der Arzt sie behandeln.
- Beides zusammen: kombinierte Schwerhörigkeit.

Der Sprachtest: Wörter verstehen, nicht nur Pieptöne
Einen Piepton zu hören heisst nicht, einen Satz zu verstehen. Deshalb reicht das Tonaudiogramm allein nicht aus: Es braucht die Sprachaudiometrie. Sie hören Wörter oder Sätze in verschiedenen Lautstärken und sprechen sie nach; gemessen wird der Anteil verstandener Wörter.
- Sprachverständlichkeitsschwelle: die Lautstärke, bei der Sie die Hälfte der Wörter verstehen.
- Maximales Sprachverstehen: der beste Prozentsatz, den Sie durch Erhöhen der Lautstärke erreichen. Bleibt er auch bei hoher Lautstärke niedrig (zum Beispiel unter 70–80 %), liegt das Problem nicht nur darin, „leise zu hören“, sondern auch darin, Laute zu unterscheiden: Das muss man wissen, bevor man Hörgeräte auswählt und einstellt.
- Test im Störgeräusch: Die Wörter werden mit Hintergrundlärm angeboten, wie im Restaurant. Oft ist das die Messung, die Ihre Schwierigkeiten im Alltag am besten widerspiegelt.
Der Sprachtest ist auch das konkreteste Mittel, um das Ergebnis zu überprüfen: mit Hörgeräten wiederholt, zeigt er, wie stark sich das Verstehen verbessert hat.

Diese Messungen sollten immer gemacht werden
Bevor Hörgeräte vorgeschlagen werden, sollte eine gute Untersuchung mindestens Folgendes umfassen:
- Gespräch (Anamnese): in welchen Situationen Sie Schwierigkeiten haben, seit wann, ob Sie Tinnitus, Schwindel, relevante Krankheiten oder Medikamente haben.
- Kontrolle des Ohrs (Otoskopie): um einen Ohrenschmalzpfropf oder andere Probleme im Gehörgang und am Trommelfell auszuschliessen.
- Tonaudiometrie über Luftleitung, an beiden Ohren und bei allen wichtigen Frequenzen, mit Vertäubung wenn nötig (ein Rauschen auf dem anderen Ohr, damit sicher das richtige Ohr antwortet).
- Tonaudiometrie über Knochenleitung, um die Art des Hörverlusts zu erkennen.
- Unbehaglichkeitsschwelle: die Lautstärke, die für Sie unangenehm wird. Sie dient dazu, die Hörgeräte so einzustellen, dass laute Geräusche nicht stören.
- Sprachaudiometrie in Ruhe und idealerweise im Störgeräusch, mit einzelnen Wörtern und mit Sätzen.
- Lautheitsmessungen (Lautheitsempfinden): sehr spezifische Untersuchungen, die prüfen, ob die Dynamik des Gehörs verzerrt ist.
Und nach der Anpassung der Hörgeräte:
- In-situ-Messung (Messung im Ohr): Mit einem kleinen Mikrofon im Gehörgang wird überprüft, was wirklich an Ihrem Trommelfell ankommt, statt sich nur auf die Einstellungen der Software zu verlassen.
- Sprachtest mit Hörgeräten und regelmässige Kontrollen in den folgenden Wochen, auch hier mit einzelnen Wörtern und mit Sätzen.
Bei besonderen Anzeichen (Unterschied zwischen den Ohren, Schallleitungsschwerhörigkeit, plötzlicher Hörverlust, Schmerzen, Schwindel) ist auch ein Besuch beim HNO-Arzt nötig, der Untersuchungen wie die Tympanometrie durchführen kann.

💡 Verlangen Sie immer eine Kopie
Audiogramm und Sprachtest sind Ihre Daten: Sie haben das Recht auf eine Kopie. Sie brauchen sie, um Ergebnisse über die Zeit zu vergleichen, für eine Zweitmeinung oder wenn Sie den Hörakustiker wechseln. Und wenn Ihnen etwas unklar ist, lassen Sie es sich erklären: Eine gute Fachperson tut das gerne.
Und der Online-Test?
Der Hörtest auf meiner Website ist ein nützlicher erster Schritt: Er zeigt Ihnen, ob eine Kontrolle sinnvoll ist. Er ersetzt aber keine Audiometrie in der Hörkabine mit kalibrierten Geräten und einer Fachperson und kann weder die Knochenleitung noch die Unbehaglichkeitsschwelle oder das Sprachverstehen im Lärm messen.
Sie haben ein Audiogramm erhalten und verstehen es nicht?
Schreiben Sie mir: Ich erkläre Ihnen gerne, was Ihre Ergebnisse bedeuten. Zur Vorbereitung auf den ersten Termin können Sie auch die Checkliste für den ersten Termin beim Hörakustiker lesen.
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keinen Arztbesuch und keine fachliche Beratung.
War das hilfreich?

